Bettina A. Müller (Faya Largeau) Autorin


die grenzgängerin

-Textausschnitt-


Eines Abends sitze ich in unserer „Stammdisco“, meine Freundin ist nicht mehr aufzufinden und ich warte nun schon seit einigen Stunden auf sie. Dann kommt „der Boss“, wie sie ihn immer nennt, zu mir und sagt, dass sie heute nicht mehr kommen wird.
Ich bin fassungslos! Mist! Was mache ich denn jetzt?? Wo soll ich hin? Sie hat den Wohnungsschlüssel und wenn ich jetzt los laufe und in die Wohnung gehe und sie ist nicht dort, dann ist hier auch zu, wenn ich zurückkomme. Duisburg ist nachts nicht ungefährlich, alleine will ich nicht auf der Straße bleiben!

„Der Boss“ meint nun:
„Mach dir keine Sorgen, du kannst bei mir auf dem Sofa schlafen, das ist kein Problem!“
Ich überlege und frage dann skeptisch:
„Auf dem Sofa? Ganz sicher?“
„Sicher! Kein Problem!“ meint er lächelnd.
Ach du meine Güte! Aber ich habe keine Wahl! Verdammt! Schlimm!
Wir verlassen das Lokal nachdem alle Gäste gegangen sind und er die Abrechnung gemacht hat. Hinter der Disco steht ein alter, roter Chevrolet, ein riesiger Wagen mit weißen Ledersitzen.
„Steig ein.“
Ich lasse mich in die weichen Polster sinken und verschwinde fast darin. Auf dem Armaturenbrett klebt der heilige Christophorus. Das Auto ist sehr nobel, wirkt aber auf mich exotisch und etwas befremdlich. Ein großes, weißgraues Wolfsfell liegt auf der Rückbank, zwischen den Sitzen sehe ich einen Schlagstock, wie ihn die Polizei hat.
Wir fahren durch ganz Duisburg hindurch und in ein Randgebiet, das ganz in der Nähe dieser schmutzigen Zechen und Kohlebergwerke liegt. Es ist eine Arbeitersiedlung mit den vielen kleinen Häusern, die dicht an dicht stehen. Alles wirkt grau, dunkel, schmutzig. Es regnet. Im Scheinwerferlicht sehe ich das Kopfsteinpflaster mit den vielen Löchern, wir fahren ganz langsam und ich fühle mich nicht wohl in meiner Haut. Wir reden kein Wort. Aber was könnte ich auch sagen?
Er hält neben einer Straßenlaterne vor einem kleinen Haus aus roten Ziegeln, das „Rot“ ist ein fast schwarzes Rot vor Schmutz. Es wirkt unscheinbar, nüchtern, düster. Es fehlt alles Liebevolle, alles Schöne. Keine Blumen, einfach nichts was mich lächeln lassen könnte!
Er steigt aus, ich bleibe einfach sitzen. Ich weiß nicht, ob ich das gut finden soll, was jetzt gerade passiert! Er geht um das Fahrzeug, öffnet mir wortlos die Türe. Da habe ich wohl keine Wahl! Ich steige aus und folge ihm mit Herzklopfen zur Haustüre, die direkt auf den Gehweg grenzt. Kein Vorgarten, kein Platz um das Haus. Nur der schmutzige Gehweg und die kaputte Straße. Es schüttet mittlerweile wie aus Eimern.
Er öffnet die Türe, ich folge ihm, er macht das Licht an. Wir stehen in einem kleinen Gang. An der Garderobe hängt ein dicker Pelzmantel, darunter stehen sehr viele feine Lackschuhe. Wir gehen hinein. Ich sehe links durch eine geöffnete Türe in das Wohnzimmer mit einer Couch, zwei Sesseln, einem niedrigen Tisch davor, einer fast leeren Schrankwand und dicken undurchsichtigen Gardinen. Rechts blicke ich in eine Küche, daneben ist eine Türe mit einer Fototapete, die einen Sonnenuntergang hinter Palmen zeigt. Geradeaus führt eine Holztreppe nach oben. Alles nüchtern eingerichtet, keine Dekoration, nichts Schönes, die einzige Farbe ist dieser Sonnenuntergang.
„Geh bitte ins Wohnzimmer, ich hole dir eine Decke!“ er lässt mich mit diesen Worten stehen und geht die knarrende Treppe nach oben.

Vielleicht habe ich Glück und er lässt mich in Ruhe, hoffe ich so still vor mich hin und betrete das Wohnzimmer, schalte das Licht ein. An der rechten Wand über dem Sofa hängt ein großes Bild mit Segelschiffen vor einem schrill bunten Sonnenuntergang, eigentlich kitschig, dennoch finde ich es hier hübsch, es ist wiederum die einzigste Farbe. Er kommt mit einer Decke und einem Kissen zurück. Ich setze mich auf die Couch. Er legt alles neben mich.
„Danke!“

Nun nimmt er mir gegenüber in einem Sessel Platz, mustert mich.
Ich fühle mich absolut unwohl.
„Wieso bist du immer so abweisend zu allen?“
„Wieso nicht?“ meine mutige Gegenfrage.
„Du weißt, dass ich dich mag?“
„Das ist mir egal!“
„Ich würde gerne etwas für dich tun!“
„Aha! Und was?“
„Egal! Was du willst!“
„Ich will nichts!“
„Alle Menschen wollen irgendetwas!“
„Ich nicht!“
„Irgendetwas will jeder!“
„Stimmt! Ich will in Ruhe gelassen werden!“
Er schmunzelt etwas.
„Das ist doch auch schon mal was!“
„Dann sind wir uns ja einig!“ sage ich trotzig.

"Du bist 15 Jahre?"

"Nein, ich bin 18 Jahre alt!"

Er schmunzelt immer noch, steht auf und geht zur Türe.
Oh je, und nun?
Dann dreht er sich um und sagt:
„Schlaf gut! Wenn du etwas vermisst oder brauchst, ich bin oben. Du kannst auch hinter mir zuschließen, der Schlüssel steckt. Neben der Küche, hinter dem Sonnenuntergang, ist übrigens das Badezimmer.“
Ich murmle nur:
„Ok, gute Nacht.“

Er geht tatsächlich und lässt mich alleine! Ich stehe auf, schließe die Türe und drehe den Schlüssel um. Puh! Zum ersten Mal in meinem Leben verschließe ich eine Türe hinter mir! Dann lege ich mich aufs Sofa, decke mich zu, ziehe die Decke bis zur Nasenspitze hoch und mache mir so meine Gedanken.

Das geht so nicht weiter! Ich muss irgendetwas ändern, ich bin abhängig! Aber bevor ich etwas mache, was ich nicht will, werde ich eher mich oder sonst jemanden umbringen!!!
Mit diesen Gedanken schlafe ich ein.