Bettina A. Müller (Faya Largeau) Autorin

Löwenmut    Irren ist menschlich. Aber wer richtig Mist bauen will, braucht einen Computer!

Es ist ein grauer, relativ warmer Novemberabend, es liegt noch kein Schnee, aber der Nebel macht nicht unbedingt eine gute Stimmung. Alles erscheint dumpf, die tiefhängenden Wolken schlucken sämtliche Geräusche, die Welt wirkt wie in Watte gepackt. Meine Pferde stehen in ihren Boxen und sind froh, dass die Koppelsaison beendet ist. Der Winter hat sich angekündigt und die Tage sind schon sehr kurz geworden. Ich mag diese Zeit nicht wirklich, sie gibt mir immer das Gefühl von „Ende“, aber wie jedes Jahr eben. Dann wird es wohl diesen November auch nicht zu Ende sein. Die große schwarze Dogge döst vor dem Ofen, mein Border-Collie liegt im Körbchen und der Kater verweigert jeglichen Ausgang. Es ist die „Stille Zeit“ oder wie wir in Bayern sagen: „Die stade Zeit“.

Ich muss mal wieder raus, ausgehen mit Freundinnen, ich sitze abends viel zu viel zu Hause, lese oder bastele für unsere Weihnachtsfeier. Aber die Tage auf dem Hof mit den vielen Tieren sind anstrengend, ich kann mich meist nicht mehr aufraffen und gehe früh schlafen.

 Das Telefon klingelt.

„Hallo?“

„Hi, die Alex hier, wir treffen uns heute in der Stadt, willst du auch kommen?“

„Na klar, gerne, das war jetzt Gedankenübertragung! Wo?“

„In der Bar bei der Claudi, um acht Uhr.“

„Super, dann bis später, freue mich!“

Ich lege den Hörer auf und schaue so an mir herunter: Stallklamotten, Gummistiefel, schon lange nicht mehr beim Friseur gewesen, die ersten weißen Haare kommen auch schon, aber zwischen den immer noch recht hellblonden fallen sie nicht wirklich auf. Ich sollte mich mal wieder ein bisschen um mich kümmern. Jünger werde ich auch nicht, der fünfzigste Geburtstag steht bald vor der Türe, es dauert zwar noch drei Jahre, aber dennoch, die Mitte-Vierzig-Hürde ist genommen. Halbzeit! Hoffe ich doch mal so voll Zuversicht, aber das hoffe ich ja schon seit einigen Jahren. Ich muss ein bisschen über meinen Gedankengang schmunzeln. Halbzeit bis zum Ende!

Ich gehe unter die Dusche, eine Stunde habe ich Zeit, das muss reichen, inclusiv zwanzig Minuten Fahrzeit. Na ja, das mit den Haaren ist so eine Sache, trocken rubbeln, ein bisschen über den Kopf föhnen. Dann ein wenig Make-up, aber was ziehe ich denn an? Ich habe überhaupt keine „Ausgehklamotten“ mehr. Jeans, Sportschuhe, aber wenigstens findet sich noch eine hübsche Bluse. Eigentlich ist es auch egal, für einen Plausch mit den Mädels alle Mal gut genug.

So, nun einigermaßen „salonfähig“ setze ich mich in mein Auto, nehme die Hunde mit und fahre auf dieser wunderbaren kleinen Straße vom Gutshof weg. Mächtige, zweihundert Jahre alte Pappeln säumen den schmalen Weg. Zentimeterhoch liegt das Laub dieser wundersamen majestätischen Bäume auf der Straße. Es ist nass und leuchtet hellgelb im Licht der Scheinwerfer. Die grobe Rinde dieser sicherlich einen Meter dicken Stämme wirkt urzeitlich, in den gewaltigen Baumkronen hängen feine Nebelschleier. Eine Wildkatze huscht über den Weg und verschwindet im Dickicht der Schlehenbüsche. Sie bilden mit ihren vielen Dornen eine fast undurchdringliche Mauer an deren nun blattlosen Ästchen unzählige dunkle Früchte hängen. Diese sind Nahrung für die vielen Tiere, die den Winter hier verbringen müssen. Die Welt wirkt märchenhaft, unwirklich, schlafend.

Irgendwie ist das heute nicht so mein Tag. Zuerst ging der Drucker von meinem Uralt-PC kaputt, den hatte ich mal von meinem Sohn „geerbt“, gehört eigentlich ins Museum. Aber so lange ich damit tippen kann, meine Geschichten schreiben und Flyer für die Veranstaltungen ausdrucken kann, kommt mir kein Neuer ins Haus. Es ist mir vollkommen egal, ob ich als PC-Gegner meinen Ruf verteidigen muss „alt“ zu werden, wie mein Junior immer so schön zu mir sagt. Ich solle doch endlich mit der Zeit gehen und mir ein Notebook kaufen, denn sein PC, den ich da nutze, der wäre ja schon über zwanzig Jahre alt. Für solche Bemerkungen habe ich doch nur ein müdes Lächeln übrig! So lange er funktioniert, bleibt er, Basta! Dann sind noch die Pferde ausgebrochen und haben sich selbstständig auf den Weg zum Stall gemacht, wollten wohl endlich die Koppelsaison beenden. Das alles stimmt mich etwas melancholisch, November eben. Der Radio läuft, auf einmal kommt ein Lied, das ich schon Ewigkeiten nicht mehr gehört habe:

„I wer koid und immer koider, (Ich werde kalt und immer kälter)

i wer abgebrüht und oider, (ich werd abgebrüht und älter)

aber des wui i neet und des muas i jetzt klär`n, (aber das will ich nicht und das muss ich jetzt klären)

i mächt lachen, danzen, singa und rähr`n, (ich möchte lachen, tanzen, singen und weinen)

Angst und Schmerz`n solln mi wieder wüarng, (Angst und Schmerzen sollen mich wieder würgen)

und die Liebe möcht i bis in die Zehenspitzn spüar`n….“ (und die Liebe möcht ich bis in die Zehenspitzen spüren)*

Tja, liebe Tina, das solltest du dir jetzt mal überlegen. Ist da vielleicht etwas daran? Wie lange warst du denn schon nicht mehr verliebt? Die letzte Beziehung ist jetzt seit vier Jahren vorbei, nach zwölf schönen, aber zum Schluss eben doch nicht mehr so schönen Jahren. Aber so richtig verliebt? Ewigkeiten ist das her! So richtig verliebt mit allem Drum und Dran. Herzklopfen vor jedem Telefonat, vor jedem Treffen, Sehnsucht haben, sich einfach auf jemanden freuen, abends nicht einschlafen können, träumen. Das wäre doch mal wieder was!

Arbeiten war wichtig die letzten Jahre, viel wichtiger als alles andere. Alles am Laufen halten, teilweise vierzehn Stunden am Tag, da war gar keine Zeit zum Nachdenken. Oder war das vielleicht Absicht? Nicht darüber nachzudenken, dass es da doch etwas gibt, das immer so schön war! Na ja, Mädel, auch eine Möglichkeit durch das Leben zu gehen, wegschauen und ignorieren und sich selbst sagen, dass man viel zu beschäftigt ist. Schlau!

So, jetzt stehe ich vor der Bar. Ich habe gar nicht gemerkt, wie schnell die Fahrt vergangen ist. Wirklich toll, so in Gedanken Auto zu fahren, dass man nicht einmal den Weg in Erinnerung hat und urplötzlich vor dem Lokal steht. Nennt man das etwa schon Altersdemenz? Möglich!

Die Mädels sind frühzeitig da, warten draußen auf mich, beide in Jeans, darüber bin ich sehr froh! Aber vielleicht waren sie wirklich so nett, mir zuliebe auf etwas Schickes zu verzichten. Ich traue es ihnen ja zu. Schmunzelnd steige ich aus.

Alex ist schon eine sehr hübsche, sportliche Frau mit tollen dunklen, halblangen Haaren, braunen Augen und nur dezent geschminkt. Sie kommt so natürlich rüber, einfach ein Hinkucker. Vorallem gewinnt sie durch ihre offene Art sehr und ist mit ihren fünfunddreißig Jahren die Jüngste in unserer Runde. Sie ist immer gut aufgelegt, regelrecht fröhlich. Wir kennen uns sicherlich seit fünfzehn Jahren, ich habe sie aber noch niemals schlecht gelaunt erlebt, immer ein Lächeln und absolut positiv. In Ausnahmefällen vielleicht mal etwas nachdenklich. Wirklich ein außergewöhnlich angenehmer Mensch.

Moni ist da etwas anders. Leicht mal mürrisch, introvertiert, sucht selten Blickkontakt. Wenn ihr etwas nicht passt, dann sagt sie nichts, sondern „brummelt“ vor sich hin. Man muss immer raten, auf sie zugehen, ihr entgegenkommen, sich um sie bemühen. Aber irgendwann platzt es dann aus ihr heraus und sie zwitschert beleidigt ab und kein Mensch hat dann eine Ahnung, worum es jetzt wirklich ging. Mit ihrem fünfundvierzigjährigen Aussehen ist sie nie zufrieden, aber als konservativer Gewohnheits-Mensch bisher nicht in der Lage etwas zu ändern. Die rötlichen Haare sind ihr zu dünn, die Grauen schon zu viele, die Zähne zu groß, der Po zu breit, die Schultern zu schmal, die Beine zu dick. Und das Ganze unterstreicht sie auch immer noch mit leuchtend blauem Lidschatten, den sie bis an die buschigen Augenbrauen hoch malt. Jegliche Versuche sie mal ein bisschen „aufzupeppen“ sind bisher gescheitert und haben nur dazu geführt, dass sie der Meinung ist, nicht akzeptiert zu werden. Kritik empfindet sie nicht als Hilfe oder nette Geste, sondern als Angriff und zwar egal, wie nett man es verpackt. Somit hüten wir uns alle, irgendeinen Kommentar abzugeben. Auch ist ihr Alter sehr schwer zu schätzen. Ihr Verhalten ist „mädchenhaft“, aber optisch ist sie schon eher im Fünfzigerbereich. Sie lacht selten herzlich, wenn, dann huscht ein undefinierbares „Lächeln“ über ihr Gesicht. Mein Ex sagt immer, er müsse schon bis auf fünf Meter an sie heran, um sie überhaupt von ihrer Mutter unterscheiden zu können und er braucht keine Brille! Kennen gelernt haben wir uns alle über die Pferde...